Karpaltunnelsyndrom: wenn die Hand nachts einschläft
Nachts schläft die Hand ein, die Finger kribbeln, morgens fühlen sie sich pelzig an – und irgendwann fällt schon das Öffnen eines Schraubverschlusses schwer. Hinter solchen Beschwerden steckt häufig ein Karpaltunnelsyndrom, eine Enge des Mittelnervs am Handgelenk. Dieser Beitrag erklärt in Ruhe, welche Anzeichen typisch sind, welche Behandlungswege es gibt und wann über einen Eingriff gesprochen wird.
Was im Handgelenk passiert
Der Karpaltunnel ist ein enger Kanal an der Beugeseite des Handgelenks. Begrenzt wird er von den Handwurzelknochen und einem festen, quer verlaufenden Band (Retinaculum flexorum). Durch diesen Tunnel ziehen die Beugesehnen der Finger und der Mittelnerv (Nervus medianus) in die Hand.
Beim Karpaltunnelsyndrom steht dem Nerv in diesem Kanal zu wenig Platz zur Verfügung. Der Druck auf den Nervus medianus steigt, seine Durchblutung verschlechtert sich – und er meldet sich zunächst mit Kribbeln und Taubheit, später mitunter auch mit nachlassender Kraft.
Das Karpaltunnelsyndrom zählt zu den häufigsten Nervenengpass-Syndromen der Hand. Frauen sind öfter betroffen als Männer, häufig beginnen die Beschwerden im mittleren Lebensalter. Nicht selten sind beide Hände beteiligt, wobei eine Seite meist im Vordergrund steht.
Beim Karpaltunnelsyndrom steht dem Nerv in diesem Kanal zu wenig Platz zur Verfügung.
Typische Symptome: nächtliches Kribbeln und taube Finger
Charakteristisch ist, dass die Beschwerden nachts beginnen. Viele Betroffene wachen auf, weil die Hand „eingeschlafen“ ist, und schütteln sie aus, bis das Gefühl zurückkehrt. Der Grund: Im Schlaf liegt das Handgelenk oft abgeknickt, und Flüssigkeit verteilt sich im Körper anders – beides erhöht den Druck im Kanal.
Das Taubheitsgefühl betrifft in der Regel das Versorgungsgebiet des Mittelnervs: Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und die daumenseitige Hälfte des Ringfingers. Der kleine Finger bleibt meist ausgespart – ein Detail, das ärztlich wichtig ist, weil es das Karpaltunnelsyndrom von anderen Ursachen abgrenzen hilft.
Im weiteren Verlauf können die Beschwerden auch tagsüber auftreten, etwa beim Fahrradfahren, Telefonieren oder Autofahren. Bleibt der Druck über längere Zeit bestehen, kann der Nerv dauerhaft beeinträchtigt werden. Deshalb ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll, bevor sich Gefühl und Kraft merklich verändern.
- Nächtliches Kribbeln, Brennen oder „Ameisenlaufen“ in der Hand
- Taubheit in Daumen, Zeige- und Mittelfinger sowie halbem Ringfinger
- Schmerzen, die bis in den Unterarm ausstrahlen können
- Bedürfnis, die Hand auszuschütteln, damit das Gefühl zurückkehrt
- Ungeschicklichkeit bei feinen Bewegungen: Knöpfe, Nadel, kleine Gegenstände
- Im späteren Verlauf abnehmende Kraft und Rückgang des Daumenballens
Ursachen und begünstigende Faktoren
Häufig lässt sich keine einzelne Ursache benennen. Oft kommt eine anlagebedingt enge Kanalform mit Faktoren zusammen, die das Gewebe im Tunnel anschwellen lassen. Auch wiederholte, gleichförmige Handbelastung und Arbeiten mit vibrierenden Werkzeugen werden als begünstigend diskutiert.
Daneben spielen allgemeine Erkrankungen und hormonelle Umstellungen eine Rolle. Wird eine solche Grunderkrankung erkannt und behandelt, bessert sich manchmal auch die Situation am Handgelenk – beurteilen lässt sich das jedoch nur im Einzelfall.
Ein eigener Punkt ist die Schwangerschaft. Vor allem im letzten Drittel lagert der Körper vermehrt Flüssigkeit ein, was den Druck im Karpaltunnel erhöhen kann. Diese Form ist häufig und bildet sich nach der Geburt in vielen Fällen von selbst zurück; behandelt wird deshalb meist zurückhaltend und zunächst mit einer Nachtschiene. Welche Maßnahmen in der Schwangerschaft sinnvoll sind, besprechen Sie bitte mit Ihrer betreuenden Ärztin oder Ihrem Arzt.
- Anlagebedingt enger Karpaltunnel, familiäre Häufung
- Schwellung der Sehnenscheiden bei dauerhafter Belastung der Hand
- Hormonelle Umstellungen: Schwangerschaft, Wechseljahre
- Stoffwechsel- und rheumatische Erkrankungen, etwa Diabetes mellitus
- Folgen von Handgelenkbrüchen, Arthrose oder Gelenkentzündungen
Erste Hinweise: Phalen-Test und Hoffmann-Tinel-Zeichen
Zwei einfache Untersuchungen gehören zur Standarduntersuchung und werden manchmal auch als Selbsttest beschrieben. Beim Phalen-Test legt man die Handrücken vor der Brust aneinander, sodass die Handgelenke gebeugt sind, und hält diese Position etwa eine Minute. Treten dabei Kribbeln oder Taubheit in den ersten drei Fingern auf, kann das ein Hinweis sein.
Beim Hoffmann-Tinel-Zeichen wird die Beugeseite des Handgelenks über dem Nervenverlauf leicht beklopft. Ein einschießendes, elektrisierendes Gefühl in die Finger gilt ebenfalls als Hinweis. Beide Tests sind orientierend: Sie können auffällig sein, ohne dass eine Nervenenge vorliegt – und umgekehrt unauffällig bleiben, obwohl eine besteht.
Eine belastbare Einordnung entsteht erst im Zusammenspiel aus Vorgeschichte, klinischer Untersuchung und – wenn erforderlich – einer Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie), die üblicherweise in der Neurologie erfolgt. Ergänzend kommt bisweilen eine Ultraschalluntersuchung des Nervs zum Einsatz. Erst diese Gesamtschau zeigt, wie ausgeprägt die Enge ist und welche Behandlung sinnvoll erscheint.
Konservative Behandlung: die Schiene für die Nacht
Bestehen die Beschwerden noch nicht lange und ist der Nerv nicht messbar geschädigt, wird in der Regel zunächst ohne Operation behandelt. Wichtigster Baustein ist eine Handgelenkschiene, die nachts getragen wird und das Gelenk in einer neutralen, geraden Position hält. So wird das Abknicken im Schlaf verhindert und der Druck im Kanal verringert.
Ergänzend geht es darum, auslösende Belastungen zu verringern und eine zugrunde liegende Erkrankung mitzubehandeln. Manche Betroffene profitieren von ergotherapeutischer Anleitung und Nervengleitübungen. Eine örtliche Injektion mit einem entzündungshemmenden Präparat kann in bestimmten Situationen erwogen werden; ihre Wirkung ist häufig zeitlich begrenzt und ersetzt keine Ursachenbehandlung.
Wie lange man konservativ behandelt, hängt vom Befund ab. Bessern sich die nächtlichen Beschwerden über mehrere Wochen deutlich, spricht das für ein Fortführen. Bleiben sie bestehen oder nehmen Taubheit und Kraftverlust zu, wird das weitere Vorgehen neu besprochen.
- Nachtschiene in Neutralstellung des Handgelenks
- Anpassen von Belastungen im Beruf und Alltag
- Mitbehandlung von Grunderkrankungen
- Ergotherapie, Bewegungs- und Nervengleitübungen
Wenn eine Operation infrage kommt: die Karpaltunnelspaltung
Über einen Eingriff wird gesprochen, wenn die Beschwerden trotz konservativer Behandlung anhalten, das Taubheitsgefühl dauerhaft geworden ist, die Nervenmessung eine deutliche Schädigung zeigt oder Kraft und Daumenballenmuskulatur nachlassen. Ziel der Operation ist, dem Nerv wieder Platz zu verschaffen.
Die Karpaltunnelspaltung wird meist ambulant und in örtlicher Betäubung durchgeführt; Sie sind dabei wach, die Hand selbst ist betäubt. Über einen kleinen Schnitt in der Handinnenfläche wird das quer verlaufende Band durchtrennt, das den Tunnel nach außen begrenzt. Damit vergrößert sich der Querschnitt des Kanals, und der Druck auf den Nervus medianus lässt nach. Der Eingriff dauert in der Regel etwa 15 bis 30 Minuten.
Wie jeder operative Eingriff ist auch dieser mit Risiken verbunden – etwa Nachblutung, Infektion, vorübergehende Narbenempfindlichkeit oder Kraftminderung im Bereich des Handballens. Wie sich die Beschwerden nach der Operation entwickeln, hängt unter anderem davon ab, wie lange und wie stark der Nerv beeinträchtigt war. Über Nutzen, Alternativen und Risiken klärt Sie ein persönliches Gespräch vor dem Eingriff ausführlich auf.
Nach dem Eingriff – und an wen Sie sich wenden können
Nach der Operation wird die Hand zunächst mit einem Verband versorgt und hochgelagert. Die Finger dürfen und sollen früh bewegt werden, schweres Heben und Stützen auf die Handfläche bleiben für einige Zeit ausgespart. Das Nahtmaterial wird nach etwa zwei Wochen entfernt; anschließend gehören Narbenpflege und ein schrittweiser Belastungsaufbau dazu.
Nächtliche Missempfindungen lassen bei vielen Betroffenen recht bald nach. Ein über längere Zeit bestehendes Taubheitsgefühl kann sich dagegen langsamer zurückbilden – je nach Befund über Wochen bis Monate. Wann Sie in Ihren Beruf zurückkehren können, richtet sich nach der Art der Tätigkeit und wird individuell besprochen.
Erste Anlaufstelle ist häufig die hausärztliche Praxis. Für Diagnostik und Behandlung sind handchirurgisch tätige Fachärztinnen und Fachärzte zuständig – etwa mit der Zusatzbezeichnung Handchirurgie; die Nervenmessung erfolgt in der Neurologie. In der Clinica Bellarte in Bad Nauheim betreut Dr. med. Carsten Ernert, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie mit der Zusatzbezeichnung Handchirurgie, dieses Gebiet. Die Praxis ist eine Privatpraxis ohne Kassensitz.
Bitte verstehen Sie die Angaben in diesem Beitrag als allgemeine Information. Ob bei Ihnen tatsächlich ein Karpaltunnelsyndrom vorliegt und welches Vorgehen sinnvoll ist, lässt sich erst nach einer persönlichen Untersuchung und einem ausführlichen Gespräch beurteilen.
Häufige Fragen
Beschwerden in Ruhe abklären lassen
Wenn Ihre Hand nachts einschläft oder Finger taub bleiben, lohnt sich ein persönliches Gespräch. In der Clinica Bellarte in Bad Nauheim nehmen wir uns Zeit für Untersuchung, Befund und die Frage, welche Schritte für Sie infrage kommen – von der Nachtschiene bis zur Karpaltunnelspaltung. Eine Einschätzung ist erst nach einer Untersuchung vor Ort möglich. Terminvereinbarung unter +49 6032 784 70 33, Frankfurter Str. 28, 61231 Bad Nauheim. Privatpraxis, kein Kassensitz.


